Samstag, 26. Januar 2019

Tag 0 - der längste Geburtstag der Welt

Ich kann es kaum glauben. Ich sitze am frühen Morgen in Hawaii und schaue aus dem Fenster und sehe Palmen. Mit einem Anlauf von 180 Tagen ist alles auf diesen Moment und all die Abenteuer zugesteuert, die diese Inseln für uns bereithalten werden. Sind wir echt hier?

Aber erstmal alles auf Anfang. Kein Urlaub ohne Anreise! Am Freitag früh hieß es um 3 Uhr morgens: Aufstehen. Von aufwachen kann keine Rede sein. Eine gefährliche Mischung aus Dschungelcamp und Aufregung hatte jede Aussicht auf Schlaf zu nichte gemacht, aber wer braucht schon Schlaf, wenn es in den Urlaub geht?

Als wir in Tegel angekommen waren, wurde mir erstmal bewusst wie viel Zeit vergangen war, vom letzten gemeinsamen Urlaub bis jetzt und wie unglaublich lange / anstrengend / fordernd die letzten Monate waren und wie sehr ich diesen Urlaub will. Ich hatte nämlich den Tag vor dem Urlaub mit einem Gefühl des nicht-fahren-wollens verbracht, weil ich doch noch ziemlich erkältet und angeschlagen war. Und dann ging es wieder los: Das in die Schlange stellen. Das verunsicherte Fragen, ob man in der richtigen Schlange steht, weil die Hipsters vor einem nach Paris und nicht Amsterdam fliegen. Das Durchsuchen des vollen Rucksacks, weil es mir immer noch nicht möglich ist strukturiert zu packen und darauf zu vertrauen, dass ich nichts aus geschlossenen Rucksäcken verlieren kann. Dann endlich einsteigen und abheben oder lieber erstmal mit Level 3 in einen Panikanfall stürzen, weil der Reisepass, der in der Hand war aufeinmal verschwunden ist. Ich habe in diesem Moment wirklich kurz an Zauberei, Paralleluniversen und schlimme Prophezeiungen geglaubt, anders war es nicht zu erklären, wie sich mein Reisepass innerhalb von 21 Reihen von meiner Hand ins Nichts verwandeln konnte.
Der Knutschi ist dann erfolglos in den Aktionsmodus mit dem Boardpersonal gewechselt und ich wollte nicht mehr atmen und nur weinen. Ganz kurz hat sich dann aber mein Verstand gemeldet, während ich wie irre den Rucksack wiederholt durchsuchte, der viel zu voll mit Büchern war, die ich nicht mal in 3 Wochen lesen werde. Und ganz kurz konnte ich escape-room-mäßig klar denken und griff einmal unter meinen Sitz und fand die vertraute Struktur der Oberseite meines Passes. Wer jetzt denkt, dass der Pass an diesem Tag das letzte Mal gesucht wurde, der irrt. Ich musste ihn dann René geben, der dachte er kriegt das besser hin. Wenn man zweimal umsteigt, dann ergibt es sich aber, dass der Pass vom Inhaber und nicht vom Aufbewahrer gezeigt werden muss und dann auch gerne mal wieder im eigenen Rucksack verschwindet. WAS HABEN WIR DIESEN PASS IMMER UND IMMER WIEDER GESUCHT!!!##

Die 10 Stunden Flug nach Seattle vergingen .. hahahah..wie im Flug! Essen, Wein trinken, Gin Tonic trinken, nicht schlafen können, Filme schauen. Und eine liebevolle Stewardess, die uns mit Massen an Süßigkeiten versorgt hat (für den Rest des Urlaubs), weil sie sich so gefreut hat, dass ich Geburtstag habe (und sie einen Tag später).

In Seattle wurden die 5 Stunden Aufenthalt genutzt um das Handy im Klo zu vergessen, den Reisepass zu suchen, den Geldbeutel nicht zu verlieren aber zu suchen und zu streiten, was man jetzt mal essen könnte und wie lange man im Rahmen des allgemeinen freundlichen Umgangs mit Mitreisenden vor Fluganzeigetafeln spontan stehen bleiben könnte. Versöhnung fand dann bei Mc Donalds statt. Welcome to USA!

Irgendwann machte sich dann auch die letzte Maschine bereit. Mein Erschöpfungspegel war ehrlich gesagt nicht mehr zu messen. Nach deutscher Zeit war es 2 Uhr morgens und ich war quasi schon 24 Stunden ohne Schlaf plus die schlaflose Nacht vor der Abreise. In Seattle war es aber erst 16 Uhr. In Hawaii erst 14 Uhr. Also nochmal tief durchatmen und 7 Stunden fliegen. Nach der Reise bis dorthin war eh schon jedes Zeitgefühl mehr als verloren und ich wusste nichtmal, ob Weihnachten schon war oder noch kommt und das obwohl ich Geburtstag hatte. Die Menschen mit uns im Flugzeug gingen mir auch immer mehr auf die Nerven (Knutschi ausgenommen - er schlief halt). Wir waren vom Flug nach Seattle verwöhnt, weil die Maschine nur halbvoll ruhiger Menschen war. Jetzt musste ich mit roten Augen und meiner unfreundlichsten Miene (ich schäme mich), der alten Frau vor mir erklären, wie blöd ich das finde, dass wenn sie ihre Jacke über ihren Sitz nach hinten hängt, ich die olle Jacke im Gesicht habe und auch keine Filme schauen kann.
Egal, Kleinkram. Der Knutschi hat den Flug komplett durchgeschlafen. Ich hielt mich wach, um dann in Hawaii eine Chance auf Nachtschlaf zu haben. Hat auch fast geklappt, obwohl fragwürdig ist, was das gebracht hat, wo ich ich nun fast 48 Stunden wach und komplett hinüber war.

Das war dann aber alles irgendwie ein Stück weit aus der Realität gerückt, als wir kurz vor der Landung waren, die Sterne so hell leuchteten und man die Lichter auf den Inseln sehen konnte und ich wusste: ich bin da. ich bin endlich da. Das weiß keiner so richtig, aber ich wollte schon immer nach Hawaii. Ich hab sogar mal angefangen hawaiianisch zu lernen vor 15 Jahren. Und ich hatte vergessen, wie sehr ich hier her wollte, bis wir zu Landung ansetzten und sich in mir ein so allgegenwärtiges, zufriedenes Gefühl aufbaute, dass sicher zu total tollen Erkenntnissen geführt hätte.. wenn nicht meine blöde nichtauskurierte Erkältung den Druckausgleich jetzt noch mehr zu schaffen machte als bei den Flügen davor... wenn einem statt der Erleuchtung das Ohr fast platzt, wird auf einmal alles wieder ganz bodenständig. Manchmal vielleicht auch besser sein Ohr und nicht sich selbst zu wichtig zu nehmen.

Der Pilot wählte die Dauer des Landeanflugs passend zum längstem Geburtstags aller Zeiten, mein Ohr hatte schon lange aufgehört was zu hören, und auf einmal waren wir da. Es ist ein merkwürdiges, schwer zu erklärendes Gefühl wie entrückt sich alles anfühlt, wenn man aus dem winterlichen zu Hause kommt, gefühlte Ewigkeiten in der (Tages-) Zeitlosigkeit von Flughäfen verbringt und aufeinmal in die feuchte, dunkle, warme Luft der größten Insel Hawaiis tritt und sich trotzdem endlich alles irgendwie wieder an Ort und Stelle anfühlt, als wäre es schon immer so gewesen. Es ist toll am Baggage Claim zu stehen und man ist draußen an der Luft und nicht in einer stinkigen Halle. Es ist beruhigend, wenn auch Klischee-haft wenn überall die typische Hawaii Musik-Klänge laufen.

Dann noch schnell den Mietwagen holen und die Mietwagenverleiher schocken, die uns kein kleines Auto in unserer Buchungsklasse geben konnte und die zum ersten Mal die Erfahrung machten, dass jemand lieber ein kleines Auto haben will und wir das nochmal umtauschen kommen.

Die Fahrt zum Air BnB ging schneller als das Air BnB zu finden. Das ganze war wie eine Live Escape Room Erfahrung. Du stehst halt im Dunkeln, komplett geistig nackig in einer Straße und läufst um Häuser herum, um eine Schlüsselbox zu finden. Beim ersten Haus kompletter Reinfall. Da war die unterste Etage besetzt. Komisch, weil die Hausnummer ja stimmte. 73! Ein Haus weiter gab es keine richtige untere Etage, dafür einen riesengroßen Hund, der die komplette Nachbarschaft zusammenbellte. Das ist der Moment, wo man sich dann gerne mal zurückzieht und nachdenkt, jedenfalls weg vom Hund, der da oben auf dem Balkon bellt. Nicht so der Knutschi.. der war noch voll in der Mission gefangen. Als dann noch ein Mann runterrief und seine Frau zu ihm rief, wer da sei - da sah ich schon die Schrotflinte vor mir ^^
Glücklicherweise waren die beiden aber mega nett und wollten uns nicht verjagen und schickten uns zwei Häuser weiter. Hätten wir von Anfang an gecheckt, dass alle 6 Stellen der Hausnummer eine Relevanz haben, hätte der Hund in Ruhe schlafen können. Nun gut. Endlich  fanden wir das richtige Haus, dann einmal drumherum und mit dem Code die Schlüsselbox öffnen. Der Knutschi schaute mich mit bewundernden Panzerknackeraugen an und ich glaube er denkt, ich kann gut einbrechen und erstellt schon Business Pläne dafür.

Wir freuten uns dann noch eine große Runde über das kuschelige, saubere, tolle Air BnB und fielen in einen glücklichen Schlaf. Jetzt ist es 8 Uhr, ich habe nicht mehr Geburtstag (endlich) und ich bin bereit meinen Badeanzug anziehen, ins Auto zu steigen und eine große Entdeckungsrunde zu starten. Ich will die Wärme, Fisch essen, Schildkröten sehen, ich möchte Sonnenuntergangscocktails trinken, ich möchte alles vergessen, dass nichts mit diesem Urlaub zu tun hat und ich möchte jede Sekunde verschlucken. Ich will tief einatmen und hier sein und ich will auf der Rückreise nicht mehr meinen Reisepass suchen!!!